Hebammenpraxis
Dekoration
Logo
Glauchau Meerane
Edeltraut Hertel
Al Fashir (Sudan), 16.12.2004
Fenster schließen mit 

„Es begab sich aber zu der Zeit …“

Liebe Freunde, sicher wissen manche von euch, dass dieses Zitat aus der Weihnachtsgeschichte stammt. Wer hat nicht schon alles Gebote und Verbote erlassen im Laufe der Zeitgeschichte? Wie viele Menschen hat das freiwillig oder unfreiwillig aus gewohnten Verhältnissen heraus gerissen und in Bewegung gebracht oder eben genau darin gestoppt? Ich finde das einfach mal nachdenkenswert.
 
Die Zeichnung hat Professor Gardemann (Kinderheilkunde) während seines Katastropheneinsatzes im Nord-Darfur im Juni/Juli dieses Jahres gefertigt. Ob er dabei an Weihnachten gedacht hat, weiß ich nicht. Mir drängen sich aber aus gegebenem Anlass einfach Parallelen auf. Seit August lebe ich genau hier, wo er dieses Bild gemalt hat.
 
Dieser Tage hat sich die Anzahl der Vertriebenen in unserem Basislager Abu Shok um weitere 22 000 erhöht. Die wenigsten kamen hier noch mit dem Esel an, und auch nicht nur mit einem Kind. Die Weihnachtsgeschichte ist erschreckend aktuell. „Sie fanden keinen Platz in der Herberge“… - auch im Lager ist kein Platz mehr vorhanden, obwohl es mitten in der Wüste liegt und man meinen sollte, dass die Platzfrage keine echte sei. Eine Herberge mit wenigstens einem festen Dach über dem Kopf ist weit und breit nicht zu sehen. Die Neuankömmlinge versuchen sich vor der Kälte der Nacht (unter 10°C) durch ein paar Stoffstücke zu schützen. Die Lagerleitung ist nicht bereit, weitere Plastikplanen auszugeben, dafür aber wenigstens Decken. Das ist erklärbar, auch wenn es auf den ersten Blick hin beinahe inhuman erscheint. Wer kann schon für 67 000 Menschen sorgen, ohne dass dabei ein Chaos entsteht? Ein weiteres Lager, etwa 6 km entfernt soll die scheinbare Lösung des derzeitigen Problems werden. Verschiedene Organisationen arbeiten fieberhaft an der Vorbereitung des „Umzugs“. Ich war von Anfang an in der Planungsgruppe dabei. Es war und ist ein spannender Wettlauf gegen die Zeit, denn das neue Lager soll möglichst noch vor Jahresende eröffnet werden.
 
Wird bei der geophysikalischen Erkundung des zugewiesenen Geländes Wasser gefunden werden? Wer bohrt in welcher Tiefe? Wer legt Brunnen an? Wird das Wasser für mindestens 22 000 Menschen und ihre Tiere ausreichen? Wo sollen Toiletten aufgebaut werden? Wer unterweist Menschen, die bisher nie eine Toilette benutzt haben, wie man damit umgeht? Wer stellt Decken, Kleidung, Seife, Kochtöpfe und Feuerholz zur Verfügung? Wie viel Schulen soll es geben?

 

 

 

 

 

Wer baut sie auf? Welche Organisationen sorgen für die gesundheitliche Betreuung? Wer checkt Kinder, ob sie geimpft sind? Wer untersucht die Neuankömmlinge, ob sie unterernährt sind? Wer sorgt für ihre Ernährung? Wer beseitigt den Abfall und wie? Das sind nur einige Fragen, die in solchen Planungsgruppen diskutiert werden. Der nötige Sand im Getriebe, sprich die Bürokratie, fordert natürlich genau dann ihre Opfer, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann.
 
Weihnachten mit all seinem Volksfestrummel scheint bei 30-35°C sehr weit entfernt zu sein. Es duftet weder nach Glühwein, Pfefferkuchen noch Gänsebraten. Die Vorstellung einer Geburt unter Stallbedingungen ist hier so abwegig nicht. „Natürliche Geburt“ ist in.
 
Mich bewegt, wie viel scheinbar von der Willkür menschlicher Entscheidungen abhängt. Das war zu Zeiten der Weihnachtsgeschichte nicht anders als heute. Trotzdem hat sich Gott auf den Weg zu den Menschen gemacht, zu seinen Geschöpfen. Damit hat Er Hoffnung in finsterste Umstände gebracht. Das wünsche ich mir auch so ein Stück: dass ich hier Hoffnung für manche Menschen bringen kann. Ohne die Verbindung zu Gott wäre mir dieser Einsatz unmöglich. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei allen, die treu für mich gebetet haben und dies auch noch bis zum Ende des Einsatzes am 05.Januar 2005 tun wollen! Es ist eine äußerst herausfordernde Aufgabe, bei der ich nur mit meinen Fähigkeiten und Normalerfahrungen sehr schnell am Ende wäre. Wenn mir Dinge gelingen, Entscheidungen rechtzeitig getroffen werden und Entwicklungen in die geplante Richtung gehen, rechne ich mir das durchaus nicht als eigenes Verdienst an. Ich bin dankbar, dass Gott eben genau in dieser Weise Gebete erhört und damit sehr praktisch handelt!
 
Ich wünsche euch beim Lesen oder Hören der Weihnachtsgeschichte, dass ihr neu davon ergriffen und innerlich angerührt werdet. Gott segne euch die Weihnachtstage und den Übergang nach 2005!
 
In herzlicher Verbundenheit grüßt euch Edeltraut